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24.11.2020

Offener Brief an Kultusminister Tonne

Sehr geehrter Herr Tonne,

bei ihrer Vereinbarung Ende Oktober haben Bund und Länder der Bildung einen besonderen Stellenwert zugebilligt. Das ist sehr lobenswert. Und auch Ihre fortwährenden Bemühungen, die Maßnahmen an den niedersächsischen Schulen den aktuellen Entwicklungen anzupassen, begrüßen wir. Jedoch finden wir, dass die Grundhaltung eines nahezu unbedingten Festhaltens am dauerhaften Präsenzunterricht für alle nicht mehr die besten Lernbedingungen garantieren kann. Denn die aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen, die zur Aufrechterhaltung des Präsenzunterrichts beitragen sollen, offenbaren einige kaum überwindbare Mängel.

So kommt es im ÖPNV auf den Schulwegen zur Vermischung von Kohorten unter gänzlich inadäquaten Abstandsbedingungen, sodass Infektionen kaum nachvollzogen werden können. Viele Landkreise haben es leider nicht geschafft, eine Schüler*innenbeförderung zu organisieren, bei der die AHA-Regeln geachtet werden können. So ist bereits der Weg zur Schule für einige von uns eine Gefahr.

Auch der Umgang mit Corona-Fällen an Schulen ist mangelhaft. Aktuell ist vorgesehen, dass bei Corona-Fällen an Schulen die Kontaktpersonen in Quarantäne gehen und die Schule, wenn sie in einem Landkreis mit einem Inzidenzwert von über 100 liegt, in das Szenario B wechselt. Hier haben sich in den vergangenen Wochen gravierende Probleme offenbart. Denn die Gesundheitsämter sind in vielen Kreisen Niedersachsens stark überlastet. Dadurch kommt es zu langen Verzögerungen bei der Anordnung von Infektionsschutzmaßnahmen und der Nachverfolgung von Infektionsketten. Immer häufiger erfolgen sogar überhaupt keine verbindlichen Maßnahmen an Schulen; Erkrankte genesen, ohne dass in ihrem schulischen Umfeld die vorgesehenen Infektionsschutzmaßnahmen angeordnet wurden. Das kann sich wiederum zur Gefahr für unsere Familienangehörigen und ganze Gesellschaft entwickeln, denn unverfolgte Kontakte können das Virus ungezügelt weiterverbreiten. Dies sorgt für große Verunsicherung an unseren Schulen und auch die kürzlich erfolgten Änderungen der Definition von K1-Personen werden daran wohl nur wenig ändern.

Doch auch dort, wo die konsequente Nachverfolgung der Kontakte funktioniert, trüben Quarantäneanordnungen das Bild der Aufrechterhaltung des Präsenzunterrichts. Denn für vollbesetzte Klassen, in denen kein Abstand gehalten werden kann, ergehen auch entsprechend viele Quarantäneanordnungen beim Auftreten eines Corona-Falls. Dabei sollte längst klar sein, dass eine Quarantäne erhebliche Konsequenzen für die psychische Gesundheit der Betroffenen und den Alltag ihrer Familien haben kann. Wenn bis zu den Weihnachtsferien über ein Zehntel der Schüler*innen und Lehrkräfte von einer 14-tägigen Quarantäne betroffen sein könnte, so ist dies ein zu hoher Preis für die Vorteile, die das Szenario A mit Masken gegenüber dem Szenario B hat.

Deshalb fordern wir die Einführung des Szenario B in ganz Niedersachsen bis zum Beginn der Weihnachtsferien. Denn in Anbetracht der aufgezeigten Probleme erachten wir dies nicht nur als überaus wichtige Maßnahme zur Verbesserung des Infektionsschutzes an Schulen, sondern auch als notwendigen Schritt zur Beruhigung des Schulalltags. Grundschüler*innen und andere Schüler*innen, die das Szenario B besonders stark belasten würde, sollten von dieser Maßnahme ausgenommen werden.

Mit dem landesweiten Wechsel zum Szenario B lassen sich die genannten Probleme lösen oder zumindest eindämmen. So könnten die AHA-Regeln im Unterricht wieder konsequent umgesetzt werden, was den Infektionsschutz deutlich stärkt und die Zahl der zu verhängenden Quarantäneanordnungen verlässlich reduziert. Außerdem würde sich durch das Szenario B die Passagierzahl in Schulbussen nahezu halbieren. Dadurch könnte dort mehr Abstand gehalten und der Schulweg wieder erheblich sicherer werden. Und auch auf dem Schulhof könnte an vielen Schulen wieder genug Platz entstehen, damit die anwesenden Schüler*innen in den Pausen ihre Masken absetzen können.

Doch der Wechsel zum Szenario B allein reicht nicht aus!

Bei der Umsetzung des Szenario B an den einzelnen Schulen dürfen die Schulleitungen nicht allein gelassen werden. Hier sind zum einen möglichst nachvollziehbare rechtliche Vorgaben und gute Hilfestellung durch die Landesschulbehörde notwendig. Zum anderen müssen auch die Interessengruppen an den Schulen, wie sie im Schulvorstand vertreten sind, an der Ausgestaltung partizipieren können. Auf Grund der Herausforderungen, die mit einem Wechsel ins Szenario B einhergehen werden, sollten die Schulen sich jetzt vorbereiten und die demokratischen Gremien mit einbeziehen. Einige Schulen haben bereits präventiv ihre Konzepte für den Fall eines Wechsels in das Szenario B überarbeitet. Die übrigen wären nach unserer Ansicht gut beraten, diesen Beispielen zu folgen. Besonders wenn bisher unbekannte Herausforderungen auf die Schule zukommen, ist es wichtig, die verschiedenen Sichtweisen wahr- und ernstzunehmen. Dieser gegenseitige Respekt führt zu jener Form gelebter Demokratie, die Schule ausmachen sollte und besonders in Krisenzeiten essenziell ist.

Um Unterricht im Wechselmodell zu optimieren, müssen die notwendigen digitalen Mittel bereitgestellt werden. Dies umfasst mindestens Beamer, Lautsprecher und eine Kamera für Videokonferenzen in jedem Klassenraum sowie stabiles Internet und digitale Endgeräte für Lehrerkräfte und Schüler*innen. Diese Investitionen sind im Zuge der Digitalisierung ohnehin dringend notwendig und würden somit auch langfristig einen wichtigen Beitrag leisten. In dieser Krise haben wir die Chance, das Fundament des Unterrichts der Zukunft zu legen.

Die Schulschließungen im März und der anschließende Wechselunterricht haben die großen Unterschiede, die zwischen den häuslich Lernbedingungen der Schüler*innen herrschen, schmerzhaft deutlich gemacht. Für viele jüngere Schüler*innen gibt es keine Betreuungsmöglichkeiten, und auch ein ruhiger Arbeitsplatz mit Zugang zu digitalen und analogen Medien ist nicht unbedingt gegeben. Daher müssen für die jüngeren Jahrgänge der weiterführenden Schulen wohnortnahe Betreuungsangebote außerhalb der Schule gefunden werden. Dies kann z.B. in den aktuell ungenutzten Hotels und Veranstaltungszentren möglich gemacht werden. Die Betreuung könnten u.a. von Tagesmüttern, die momentan nicht als solche arbeiten dürfen oder anderen dafür qualifizierten Personen übernommen werden.

Auch für ältere Schüler*innen müssen ruhige Lernorte außerhalb ihres häuslichen Umfelds zur Verfügung gestellt werden, von denen aus sie am Distanzlernen teilnehmen können. Hierfür bieten sich beispielsweise Bibliotheken oder Archive an.

Da sämtlicher Team- und Kontaktsport in Vereinen zum Wohle des Infektionsschutzes untersagt wurde, verwundert es uns zudem, dass wir in der Schule weiterhin diesem Risiko ausgesetzt werden. Der allgemeine Sportunterricht sollte deshalb an die frische Luft oder in den theoretischen Bereich verlagert werden, um ein minimales Infektionsrisiko zu garantieren. Für Sport-Abiturient*innen muss der Unterricht jedoch in einem Rahmen ermöglicht werden, der das Infektionsrisiko möglichst minimal hält, zugleich aber den notwendigen praktischen Kompetenzerwerb ermöglicht.

Wir sind überzeugt, dass wir mit diesen Maßnahmen signifikant zur Beherrschung des Virus und zu einem ruhigen Weihnachtsfest beitragen können.

Darum bitten wir Sie, unsere Bedenken zu berücksichtigen und die genannten Maßnahmen umzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

[Unterschriften als PDF]

 Offener Brief an Kultusminister Tonne - Unterschriften.pdf


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